Was Wulkow für mein Leben bedeutet
An der Bratwurstzange

Was Wulkow für mein Leben bedeutet

Von Kurt Krambach
Prof. Kurt Krambach

Kurt Krambach ist Agrarsoziologe und Professor Dr. sc. phil. i. R. Er gründete 2005 die Arbeitsgemeinschaft Lebendige Dörfer. Von 2010 bis 2017 war er Vorstandsmitglied der European Rural Community Association (ERCA) und ist seither Observer im Vorstand; er war 2015 Gründungsmitglied und bis 2016 Vorsitzender des Dorfbewegung Brandenburg e. V. sowie Gründungs- und Beiratsmitglied des 2013 gegründeten Bundesverbands Lebendige Dörfer e.V. Kurt Krambach ist langjähriges Mitglied des Ökospeicher e.V. Am 31. Dezember 2020 feiert er seinen 90. Geburtstag.

Anfang der 1990er Jahre kam ich mit einer kleinen Gruppe von Agrarsoziologen nach Wulkow, um im Rahmen einer landesweit angelegten Analyse der Transformationen in der Sozialstruktur und den Lebensverhältnissen dies auch in einem Dorf als Ganzes zu untersuchen: Wulkow war uns vom Landwirtschaftsministerium empfohlen worden, „…weil da etwas Neues im Gange war“.                                                                                        

Schon in der DDR hatten wir Probleme kleiner Dörfer untersucht und ein Konzept stabiler Dorfentwicklung erarbeitet. In der Hoffnung auf einen Neubeginn unter der Modrow-Regierung hatten wir uns mit einem Brief „Vergesst die kleinen Dörfer nicht“ an Hans Modrow gewandt. Und nun lernte ich ein Dorf kennen, das vorher zu der Siedlungskategorie ohne Perspektive gehört hatte und nun mit einer „ökologisch orientierten Dorfentwicklung“ lebendig und zukunftsfähig bleiben wollte. Dieses Konzept enthielt genau unsere Stabilitätsaspekte – von der lokalen Ökonomie über dörfliche Infrastruktur und demografische Struktur bis zur selbst gestalteten dörflichen Lebensweise, also für uns eine Bestätigung der Allgemeingültigkeit dieser Stabilitätsmerkmale mit einer wichtigen Ergänzung, die wir nun von Wulkow lernten: die ökologische Orientierung!

Das war für mich der Beginn eines dauernden Prozesses, in dem Wulkow für mich zu einem ständigen „Lernort“ wurde, und zwar mit einem Effekt, ohne den es vielleicht heute in Brandenburg keine Dorfbewegung gäbe!                                                                                                                                                      

Als Wulkow für mich Lernort wurde

Das kam durch eine zweite Etappe, in der Wulkow „Lernort“ für mich wurde, als ein 1996 entstandenes „Europäisches Netzwerk für Erfahrungen mit nachhaltiger Entwicklung“ in ganz Europa nach entsprechenden beispielhaften Projekten suchte und dabei auch Wulkow entdeckte. 1997 begann das Netzwerk mit einem ganzwöchigen Seminar in Wulkow, um dessen Erfahrungen mit nachhaltiger Entwicklung kennenzulernen und zu bewerten. Danach besuchte das Netzwerk zwei Jahre lang zahlreiche ähnliche Projekte, jedes für sich originell, in verschiedenen Ländern. Danach wurde eine Wanderausstellung organisiert, in der sich jedes Projekt auf einem Poster präsentierte. Die Ausstellung wanderte als „Sustainable Mystery Tour“ von Estland über Polen, Ungarn, Österreich, Italien, Deutschland, Frankreich bis nach Portugal und später zur EU nach Brüssel. Was ich dabei von und durch Wulkow gelernt habe, hat maßgeblich für mehr als zwei Jahrzehnte den Inhalt meines ehrenamtlichen Schaffens bestimmt. Erstens durfte ich an der Vorbereitung und Gestaltung des Seminars in Wulkow und drei Jahre später an der Präsentation der Wanderausstellung bei ihrem Zwischenaufenthalt in Wulkow mitwirken. Ich lernte so, die Wulkower Erfahrungen zu verallgemeinern und in verschiedenen Ländern zu präsentieren, konnte gleichzeitig einen reichen internationalen Erfahrungsschatz nachhaltiger Entwicklung aneignen. Eine besondere Ehre und Verpflichtung wurde mir zuteil, als ich – Repräsentant von Wulkow – als einer der zwei Ko-Präsidenten des Netzwerkes, das inzwischen den Namen „FORUM SYNERGIES“ trug, gewählt wurde. Von besonderer Bedeutung war, dass ich dank mehrerer Vorstandsmitglieder, die Verantwortliche von nationalen Dorfbewegungen waren, die europäische Dorfbewegung kennengelernt habe und mit FORUM SYNERGIES zum ersten Mal das „Ländliche Parlament“ von Schweden besuchen konnte.

„Was ich von und durch Wulkow gelernt habe, hat maßgeblich für mehr als zwei Jahrzehnte den Inhalt meines ehrenamtlichen Schaffens bestimmt.“

Ein dritter Aspekt des Lernens von Wulkow war meine Mitarbeit in der „Brandenburgischen Werkstatt Lokale Agenda 21“ als Delegierter von Wulkow. Hier lernte ich die Erfahrungen von Gemeindevertretern bei der Einführung von Lokalen Agenden 21 kennen, was mir half, einen entsprechenden Vorschlag für Wulkow zu unterbreiten. Gemeinsam mit einer Diplomandin der Soziologie führten wir eine Befragung aller Wulkower zu den Stärken und Schwächen Wulkows sowie zur Akzeptanz der ökologisch orientierten Dorfentwicklung durch und schlugen eine Arbeitsgruppe der Gemeindevertretung vor, mit der die Ergebnisse ausgewertet und schließlich der Entwurf einer Lokalen Agenda 21 diskutiert werden konnten, die dann von der Gemeindevertretung beschlossen wurde. Gestützt auf dies Erfahrungen hatte ich 7 Thesen zur Lokalen Agenda 21 auf dem Lande entworfen, die ziemliche Diskussionen hervorriefen. Bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung hatte ich eine Broschüre über nachhaltige Dorfentwicklung und lokale Agenda 21 veröffentlicht, die u. a. einen Abschnitt über die Wulkower Erfahrungen enthielt. Die Quintessenz meiner Erfahrungen, die ich mit Wulkow und FORUM SYNERGIES gesammelt hatte, war die Feststellung, dass die Anlage und das Prozedere der Lokalen Agenda 21, wie sie von der Weltkonferenz von Rio gefordert worden war, im Grunde nicht für die Dörfer geeignet sei. Dies umso mehr, als die Mehrheit von Dörfern dank kommunaler Gebietsreformen keine Kommunalverwaltungen mehr besaß, die als Verantwortliche für LA21 vorgesehen waren. Daher schlug ich der Brandenburgischen Werkstatt vor, eine „Arbeitsgruppe Dorf“ zu gründen. 2004 wurde dieser – aus heutiger Sicht historisch weitreichende Beschluss gefasst:  Die danach gegründete „AG Dorf“ kann gewissermaßen als Keimzelle der heutigen Brandenburger Dorfbewegung betrachtet werden.

Das erste Parlament der Dörfer

Nachdem 2014 aus der AG Lebendige Dörfer der Verein Dorfbewegung Brandenburg e.V. hervorgegangen und ich als Vorsitzender des Vorstandes gewählt worden war, was ich für zwei Jahre blieb, hatte ich zwei Hauptaufgaben zur Stärkung der Dorfbewegung im Auge. Erstens die Gewinnung von Dörfern für die Dorfbewegung und ihre Erfassung nach Regionen. Ich setzte fest darauf, dass Wulkow zu diesen ersten Dörfern gehören würde und wurde nicht enttäuscht. Als zweite Hauptaufgabe sah ich an, möglichst bald die Dorfbewegung durch eine landesweite Veranstaltung bekannt zu machen, die über den bisherigen Tag der Dörfer hinaus so etwas wie die von der schwedischen Dorfbewegung entwickelten mehrtägigen Ländlichen Parlamente werden sollte. Allerdings hielt ich, da dieses Parlament die zivilgesellschaftliche Stimme der Dörfer sein sollte, die Bezeichnung „Parlament der Dörfer“ für zutreffender. Unter diesem Namen hatte ich es auch einer Enquetekommission des Landtages im Rahmen einer Präsentation der Dorfbewegung vorgeschlagen, was zur Folge hatte, dass die Kommission die staatliche Förderung dieses Vorhabens empfahl. Zwei Schritte sollten der Vorbereitung des Parlaments der Dörfer dienen. Erstens eine Arbeitsgruppe des Tages der Dörfer 2015, die das im Dialog von Dorfvertretern und Politikern thematisierte; zweitens die gemeinsame Gestaltung einer Diskussion durch Dorfbewegung und Ökospeicherverein im Rahmen des Vitaregio-Tages 2016 in Wulkow, die recht erfolgreich war, wie im Wulkower Mitteilungsblatt berichtet wurde. Ich war froh zu erfahren, dass nun der dritte Schritt   – das erste Brandenburger Parlament der Dörfer – Wirklichkeit werden soll.

Ich bin ein Wulkower!

„Ich bin ein Wulkower“ – so könnte ich ein berühmtes Zitat abwandeln, denn in der Tat wurden Wulkow und sein Ökospeicherverein so etwas wie eine zweite Heimat für mich. Das ergab sich im Zusammenhang mit dem, was ich als „Lernen“ von Wulkow aufgezählt habe. Aber es ging weit darüber hinaus, weil ich mit offenen Armen einbezogen und wie ein Wulkower behandelt wurde, sich ein enges Vertrauensverhältnis mit den Wulkower Akteuren entwickelte. Das fing mit der guten Zusammenarbeit bei der ersten Analyse an, setzte sich fort in der Mitarbeit an mehreren Vitaregio-Tagen, als Team-Mitglied des Versuchsprojekts Wulkower Umweltbildung, als Mitglied des Ökospeichervereins,  und nicht zuletzt in gemeinsamen Erlebnissen und Feiern anlässlich der „Tage für Wulkow“, beim Ausbau des Ökospeichers und Reisen nach Rumänien zu Treffen mit dem Partnerdorf. Mit Dankbarkeit denke ich auch zurück an die großartige Feier anlässlich meines 80sten Geburtstages vor zehn Jahren, wo ich mich ganz zu Hause im Rahmen der Wulkower fühlen konnte.

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